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Interviews

Der Gewinn ist eine manipulierbare Größe
Interview mit Familienrechtsexpertin Andrea Peyerl

Wie ein guter Umgang mit den Bilanzen das Fortbestehen eines Unternehmens retten können und welche Expertise ein guter Scheidungsanwalt besitzen sollte:

Warum sollte ein guter anwaltlicher Berater über hinreichend Expertise im Bereich der Bilanzanalyse verfügen?

Andrea Peyerl: Sämtliche finanzielle Konsequenzen einer Scheidung orientieren sich zunächst am Jahresabschluss des Unternehmers bzw. des Freiberuflers. Basis für die Unterhaltszahlungen an den Ehegatten ist der Gewinn in den letzten drei Jahren. Dieser Gewinn wiederum ist eine manipulierbare Größe.

Gleiches gilt für den Zugewinnausgleich. Für den Ausgleich des während der Ehe erzielten Zugewinns ist der Wert des Unternehmens maßgeblich. Entscheidende Zahlen und Faktoren finden sich ebenfalls in der Bilanz, in der Gewinn- und Verlustrechnung oder in der Einnahme - Überschussrechnung. Unkenntnisse in diesem Bereich - bzw. Berater, die nur wirtschaftsrechtliche oder nur familienrechtliche Kenntnisse haben - können fatale Folgen für Selbständige haben. Die Kombination ist unerlässlich.

Welche Besonderheiten müssen bei Unternehmern und Freiberuflern berücksichtigt werden, um die Existenz im Fall von Trennung oder Scheidung zu schützen?

Andrea Peyerl: Vor der Ehekrise schützt selbstverständlich ein Vertrag mit dem Ehepartner. Ist es hierfür zu spät, braucht jeder Unternehmer und Freiberufler ein perfektes "Krisenmanagement". Das Problem: Die Jahresabschlüsse der vergangenen Jahre lassen sich oft nur bedingt korrigieren, sie sind die Basis des unterhaltsrelevanten Einkommens.

Und wie schon gesagt, in der Auseinandersetzung des Vermögens, entscheidet oft der Wert bzw. die Bewertung des Unternehmens über dessen Existenz. Neben den Jahresabschlüssen sind eine Vielzahl branchenabhängiger Faktoren zu berücksichtigen. Selbstverständlich gibt es Sachverständige, die den Wert ermitteln. Aber den einzig "wahren" Wert gibt es nicht. Statt dessen bietet die Wertermittlung ausreichend Zündstoff für streitige Auseinandersetzungen. Keine Seltenheit: Drei Sachverständige, drei unterschiedliche Werte.

Was schlagen Sie Unternehmern vor?

Andrea Peyerl: Für Unternehmer und Freiberufler ist es besonders wichtig, den Weg der außergerichtlichen Verhandlung und Einigung zu gehen. Nur so kann die Existenz geschützt werden. Jahrelange Prozesse und die Ungewissheit um deren Ausgang belasten Mensch und Unternehmen. Auch dem Ehepartner muss deutlich werden, dass nur eine vernünftige Auseinandersetzung die Existenz und vor allem die zukünftige Liquidität des Unternehmers sichert. Nach dem Motto: " Die Kuh, die ich melken möchte…"

Die außergerichtliche Vorgehensweise muss vorsichtig und wohl durchdacht sein. Wie im richtigen Leben kommt es auch hier auf die richtige "Dosierung" an. Unkluge Minimalangebote provozieren Streit. Ausführungen, wonach ein Unternehmen, von dem die Familie jahrelang gut gelebt hat, plötzlich nichts mehr wert sein soll und kein relevantes Einkommen abwirft, sind kontraproduktiv. Andererseits gilt es, Maximalforderungen des Ehegatten sachlich fundiert zurückzuweisen, sofern sie sich jeder Grundlage entziehen. Eine strategisch und taktisch kluge Vorgehensweise ist daher besonders wichtig.

Wie hilft ein guter Anwalt?

Andrea Peyerl: Scheidungen sind eine ausgesprochen sensible Materie. Wirtschaftsjuristen, insbesondere den anwaltlichen Beratern des Unternehmens fehlt oft das Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Emotionen des eigenen Mandanten und vor allem auch mit denen der Gegenseite. Ebenso fehlt vielen Scheidungsanwälten oft die nötige Distanz zu der Sache und vor allem eine wirtschaftliche Betrachtungsweise. Sie lassen sich leider viel zu oft von dem "Gefühlschaos" des Mandanten mitreißen. Also noch mal: Die Kombination wirtschaftsrechtlicher und familienrechtlicher Kenntnisse ist unerlässlich.

Welche legalen Gestaltungsmöglichkeiten gibt es?

Andrea Peyerl: Sehr viele. Beispielweise die sogenannten Bilanzierungswahlrechte und Bewertungswahlrechte. Allein der Verzicht auf Aktivierungswahlrechte, respektive die Nichtaktivierung von Aktiva und das Ausschöpfen aller Passivierungswahlrechte, führt dazu, dass Gewinne deutlich niedriger ausgewiesen werden. Die Bewertungswahlrechte geben Spielraum bei der Bewertung der Aktiva und Passiva. Durch eine Unterbewertung, beispielsweise des Anlagevermögens, und einer Höherbewertung, beispielsweise der Schulden, kann der Gewinn niedriger ausgewiesen werden. Ein breites Feld legaler Gestaltungsmöglichkeiten, das hier nur kurz angerissen werden kann.

Was steht nicht in der Bilanz?

Andrea Peyerl: Auch hier nur einer von vielen Aspekten: Für eine Bilanz gilt das sogenannte "kaufmännische Vorsichtsprinzip". Zum Schutz der Gläubiger und der Gesellschafter wird eine eher negative Darstellung des Unternehmens verlangt und auch gefördert. Daraus resultiert eine niedrige Bewertung des Vermögens und eine hohe Bewertung der Verbindlichkeiten. Dies wiederum führt zu der Bildung stiller Reserven. Der annähernd richtige Wert eines Unternehmens steht daher niemals in der Bilanz.

Andrea Peyerl
Fachanwältin für Familienrecht